Wege zur Erkenntnis sind steil und führen durch eine Dornenhecke

Erkenntnisse
Was nun? Mein Weihnachtswunder hatte sich in ein Milleniumsdebakel verwandelt. Doch das Leben geht weiter und in mir war etwas geweckt worden. Nein, ich wollte meine Wünsche und Fantasien nicht wieder in einer Schublade verstecken. Also wieder in den Chat auf der Suche nach... ja, nach was eigentlich? Vor allem wollte ich nicht in dieser Fantasiewelt hängen bleiben... ich wollte Realität. Vollkommen unerfahren im Cyberdschungel war ich ein gefundenes Fressen für die reichlich vorhandenen Spinner. Nein, nicht für die ganz schlimmen, die gleich mit der Tür ins Haus fallen, so dumm war ich wieder nicht. Ich ließ mich auf Online- und Telefonspiele ein, konnte schon geil sein, aber zurück blieb immer eine schale Leere. Dann kam Michael. Er schien ganz anders zu sein und vor allem, er redete mit mir, zeigte Gefühl, wollte meine Gedanken kennenlernen, meine Sehnsüchte. Er gab mir das Gefühl, als Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. Es waren schöne Gespräche, sie taten mir gut und als er mich nach zwei Wochen fragte, ob ich bereit wäre mich ihm ohne wenn und aber zu unterwerfen, ohne Fragen zu akzeptieren was immer er tun würde, auch wenn es mir noch so seltsam erscheinen würde, sagte ich bedenkenlos ja.
Heute zweifle ich bedenkenlos an meinem Geisteszustand zu jener Zeit ;-)
Er kam nach Wien (drei Tage hatte er angekündigt und dass er nur wegen mir kommen würde) und ich ließ mich sogar darauf ein, ihn direkt in meine Wohnung einzuladen. Noch heute danke ich meinem Schutzengel, dass er mich vor schlimmeren Schaden, der aus so viel Dummheit entstehen kann, bewahrt hat. Es begann schön und aufregend. Zum ersten Mal erlebte ich wie sich Schmerz in Lust wandelt, wie erregend es ist sich vollkommen auszuliefern, erfuhr, dass meine Träume der Realität stand hielten. Die Freude währte kurz, nach zwei Stunden teilte er mir recht unvermittelt mitten im Spiel mit, er würde jetzt zu einer geschäftlichen Besprechung gehen und danach würde sich herausstellen, ob er gleich oder erst morgen Nachhaus fahren müsste. Seine Handynummer sollte ich löschen, es wäre das Handy seines Bruders, er hätte es jetzt nicht mehr und er würde mich anrufen.
Sprach’s und ging...
Vor lauter Fassungslosigkeit brachte ich kein Wort raus, fühlte mich mehr als elend, fühlte mich wie ein zurückgelassenes Stück Dreck. Zwei Stunden später stand er wieder vor der Tür mit den Worten: „In drei Stunden fährt mein Zug. Machen wir noch was?“
Ich warf ihn raus und dachte, dass die Sache erledigt wäre... ein für alle mal.
Tränen, so viel Tränen geboren aus Unglück, Wut und Scham über meine Dummheit. Wo war dieser nette Mann, den ich im Netz kennengelernt hatte geblieben? Ich konnte überhaupt nicht verstehen was da geschehen war und ließ mich am nächsten Tag im ICQ wieder auf ein Gespräch ein. Er warf mir vor, ich hätte mich nicht an mein Versprechen gehalten (alles ohne Fragen zu akzeptieren) und das ganze endete in einer wüsten gegenseitigen Beschimpferei... aus... Schluss... Ende.... Punkt.
Leider nicht, einen Tag später war ich schon so weit, dass ich glaubte, ich hätte mich vielleicht doch falsch verhalten, schrieb ihm ein Mail und entschuldigte mich. In seiner unendlichen Großzügigkeit verzieh er mir, fing an mich mit Aufgaben einzudecken, mich rund um die Uhr zu beschäftigen. Ich fühlte mich vollkommen überfordert, sagte es ihm und er schickte mich zur Hölle. Zuerst Erleichterung, denn ich spürte längst, dass mich diese Beziehung krank machte, mein ganzes Leben ging den Bach runter, ich konnte mich nicht mehr auf meine Arbeit konzentrieren, fuhr meine Töchter bei jeder Kleinigkeit an... alles drehte sich nur noch darum IHN zufriedenzustellen. Und doch... bei der nächsten Begegnung im Chat saß ich wie das Kaninchen vor der Schlange. Plötzlich wieder nette Worte... das Spiel fing von vorne an. Immer wieder... ein einziges hin und her. Er hatte mich fest im Griff, obwohl mir verstandesmäßig die Destruktivität dieser Beziehung durchaus klar war. Es dauerte Monate, bis ich mich endgültig von ihm befreite. Monate, in denen ich anfing mich endlich schlau zu machen, informative Seiten im Netz geradezu verschlang und in denen mir es glücklicherweise auch vergönnt war Menschen kennenzulernen, die mir andere Wege zeigten und mir letztendlich auch die Kraft gaben aus dem Teufelskreis auszubrechen. Ich schrieb ihm, dass es endgültig aus wäre, vernichtete alles was ich von ihm besaß, löschte seine Mails, die noch eine ganze Weile kamen, ohne sie zu lesen... und begann wieder ein fröhlicher Mensch zu werden.
Ich danke dir H. für den Tritt, den du mir in den Hintern gabst, damit ich endlich wieder vollkommen zu Verstand komme.
Und ich danke dir J., dass du mir gezeigt hast, dass ich fliegen kann. Dafür wie schön es ist mich absolut fallen zu lassen, zu vertrauen ohne die Angst im Nacken, nicht aufgefangen zu werden.
Ich habe mir viele Gedanken gemacht, warum mir das passieren konnte, was mich an Michael so anzog. War es die absolute Unterwerfung, die er von mir forderte? Vermutlich, denn auch heute ist diese Vorstellung für mich sehr schön und erregend. Aber fordern? Fordern von einem Menschen, den er kaum kannte? Einen so absoluten Vertrauensbeweis für einen Menschen, den ich kaum kannte? Und der mir, rückblickend betrachtet, nicht ein einziges Mal das Gefühl gab, dass ich dieses Vertrauen haben könnte, dass er überhaupt in der Lage wäre, diese Verantwortung zu übernehmen. Auch damals wehrte ich mich dagegen, eigentlich nicht wissend gegen was ich mich wehrte.
Fordern? Nein... vielleicht werde ich dieses Geschenk jemandem eines Tages machen, aber Geschenke kann man nicht fordern und es kann nur das Ergebnis einer lange und langsam gewachsenen Beziehung sein. Auch dann kann dieses Geschenk nur temporär sein, selbst wenn es den Rest meines Lebens dauert. Denn niemand, wirklich niemand kann mir die absolute Selbstverantwortung für mein Leben abnehmen.