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Gedanken zum 11. September 2001 geschrieben in einem Mail an meinen Meister am 14.September 2001
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Seit Tagen möchte ich schreiben und hatte doch das Gefühl, nicht zu wissen wie ich mich in Worte fassen soll. Die letzten Tage... so viel Gedanken, Gefühle, Ängste, Zweifel, Chaos. Ich fühle mich auf einem Pulverfass sitzend. Was ist denn bloß passiert? Haben wir uns bisher in einer Scheinsicherheit befunden? Natürlich... nicht erst seit Dienstag gibt es Hass und Gewalt... und es war nicht der erste Terroranschlag... und es waren nicht die ersten Selbstmordattentäter, auch wenn das Ausmaß unglaublich erscheint. Was ist plötzlich so anders? Wurde uns einfach so bewusst vor Augen geführt, dass wir uns im Krieg befinden? Im Großem wie im Kleinem. Was wird passieren? Stehen wir am Beginn eines neuen ganz großen Krieges? Nicht mehr im Verborgenen, der kaum unser Leben berührt und sich maximal in schrecklichen Fernsehbildern von irgendwo auf dieser Welt befindet? Ich stelle fest, dass mir plötzlich jedes Brummen eines Flugzeuges bewusst wird und es kommt mir unglaublich nah vor... wohne ich plötzlich in einer Einflugschneise? Oder hab ich's bisher gar nicht bemerkt? Heute ist der Tag der Trauer... welcher Tag wird morgen sein? So viele Menschen mussten sterben am Dienstag... wie viele Menschen werden morgen sterben? Wer bestimmt darüber wer sterben wird... . Ich fühle mit den Menschen in Amerika... aber ich fühle auch mit den Menschen in Afghanistan. Ich fühle mit den Frauen, Kindern, Männern, die dort jetzt schon viel Leid ertragen müssen... . Wie muss das Gefühl sein zum Himmel zu schauen und darauf zu warten, dass die Bomben kommen? Wenn sie kommen, werden sie tatsächlich nur "Schuldige" treffen? Und ich höre wie die Engländer berichten sie sind besonders betroffen, weil 1000 Briten vermisst werden... und ich höre wie die Deutschen berichten: "besonders tragisch... es werden 700 Deutsche vermisst"... und ich höre, wie die Österreicher berichten: "erfreulich, es dürften keine Österreicher unter den Opfern sein." Ist es wirklich von Bedeutung welcher Nation die Toten angehören? Ja, der Tod von "Stammesangehörigen" schmerzt am meisten... der Tod von Menschen befreundeter "Stämme" kommt als nächstes, der Tod von entfernten "Stämmen" ist nicht schön, aber berührt nur kurz... die Menschen, die "befeindeten Stämmen" angehören, haben den Tod verdient? Und beide Seiten fühlen sich im Recht. Und beide Seiten meinen sie führen einen "heiligen" (wie lächerlich, wenn man bedenkt, das dieses Wort von Heil kommt) Krieg... Verteidigung ihrer Lebensart... ihrer Religion. Dort Islam... hier die Freiheit der "zivilisierten" Welt. Und beten letztendlich nicht alle nur den Gott Mammon an? Schon während die Türme einstürzten machten sich die Menschen Gedanken, welche Auswirkungen wird das ganze auf die Wirtschaft haben. Es sind so viel Gedanken in mir und ich versuche an anderes zu denken, aber es fällt mir schwer.
Ich kniete heute morgen nieder und hab gebetet. Zu wem? Ist das nicht egal? Kampf der Religionen auf der ganzen Welt, weil jeder meint, nur er würde den richtigen Gott verehren. *Lächel* da halte ich es doch eher mit den keltischen Druiden... alle Götter sind ein Gott... und ein Gott ist alle Götter... egal unter welchem Namen du ihn anbetest. Ich habe gebetet für die Toten, für die, die sterben werden, für die Menschen, die geliebte Menschen verloren haben, für die Menschen, die jetzt Ziel des Hasses werden, weil sie Muslime sind, für alle Menschen. Und ich betete auch für die Attentäter... die, die starben und die, die noch leben. Ich selber spürte Hass in den letzten Tagen und die Gedanken, diese Menschen haben den Tod verdient. Und diese Gefühle des Hasses haben mich erschreckt... vielleicht haben sie mir mehr Angst gemacht als alles andere. Denn Hass entsteht in jedem einzelnen und je mehr Menschen hassen, desto größer wird die kollektive destruktive Energie. Und als ich kniete und betete... da wusste ich plötzlich, ich fühle auch mit ihnen, denn so zu hassen, dass man so fanatisch wird... sie tun mir leid. Wie groß muss der Hass sein, wenn man sich jahrelang darauf vorbereitet sich selbst für eine "Sache" zu töten. Keine Achtung vorm Leben, nicht vor fremden und nicht vorm eigenen. Im Kampf für ihren Gott, der doch angeblich dies Leben schenkt? Dann schenkte er ihnen ihr Leben... und er schenkte es denen, die sie töteten. Und wenn sie wirklich für ihre Religion kämpfen würden, dann erwiesen sie ihrem Gott einen schlechten Dienst, denn sie zerstören seine Geschenke. Ja, ich habe auch Mitleid mit ihnen.
Aber ich spüre auch den Gedanken in mir, ob sie nicht den Tod verdient haben, ob nicht Friede in der Welt sein könnte, wenn man Fanatiker ausrottet. Wäre das wirklich so? Oder ist es wie bei der Hydra... für jeden abgeschlagenen Kopf wachsen zwei neue nach. Hass erzeugt Hass... Gewalt erzeugt Gewalt... . Und da ist die Rede vom Kampf der Guten gegen die Bösen.... . Aber die Grenze zwischen gut und böse geht mitten durch uns... mitten durch jeden einzelnen Menschen... und geht das überhaupt anders? Und ist es nicht im Grunde der Kampf jedes Menschen, den er ständig in seinem eigenen Mikrokosmos kämpft, bei jeder seiner Entscheidungen, der sich dort im Makrokosmos abspielt?
Wir haben beides in uns... jeder einzelne... und in der Mitte sind wir, wenn wir ausgeglichen sind. Ich habe dunkle und lichte Seiten... und nur wenn ich beide Seiten wahrnehme, achte, respektiere, dann kann ich meine Mitte erreichen. Und welches die dunkle und welches die lichte Seite ist... wer entscheidet es? Je extremer ich eine Seite "kultiviere" ist es dann nicht um so gefährlicher in das andere Extrem zu fallen... ohne es zu merken? Nicht zu merken, weil ich es gar nicht merken will? Jeder möchte nur seine guten Seiten sehen, aber nur dorthin zu schauen bedeutet gleichzeitig die Verleugnung eines Teiles meiner Persönlichkeit. So gern sagt man, was kann ich kleines Wesen tun, ich kann die Welt nicht ändern... aber ist es nicht letztendlich so, dass nur jedes kleine Wesen in der Lage ist die Welt zu ändern?
Dies alles sind keine brandneuen Gedanken von mir. Es ist schon einige Jahre her, als ich mir bewusst wurde, dass durch Verdrängung eines Teiles meiner Persönlichkeit letztendlich das Gegenteil erreicht wird. Konnte ich durch fast fanatischen Pazifismus Gewalt aus meinem Leben fernhalten? Nein. Bewusstes Wahrnehmen aller Teile meiner Persönlichkeit hätten mir vielleicht manchen Kummer ersparen können, aber so ist es nun mal das Leben... lernen hinzuschauen und erkennen. Und damit kam auch die Erkenntnis der absoluten Selbstverantwortung. Oh Mann, leicht ist das wirklich nicht... oder doch auch wieder. Wenn ich überzeugt bin, dass alles was mir geschieht auch mit mir zu tun hat, ich meine, in mir begründet ist, dann kann ich keine Schuld mehr abwälzen. Ich denke zum Beispiel, dass die Auseinandersetzung mit Macht und Gewalt eines der großen Themen meines Lebens ist. Ich wollte sie aus meinem Leben ausschließen und wurde auf schmerzhafte Art damit konfrontiert. Ich wurde vergewaltigt... ich wurde unterdrückt... . Ja, klar waren daran andere Menschen beteiligt, welche Bedeutung das in ihrem Leben hat, können sie nur selber beurteilen. Aber mit mir konnten sie es nur tun, weil ich Themen aus meinem Leben verbannen wollte. Im Grunde vergewaltigte und unterdrückte ich mich selber. *Lächel* und schön wäre es, wenn ich mit dem begreifen dieser Zusammenhänge gleich alle Zweifel und Ängste überwunden hätte. Der Weg der Erkenntnis ist verdammt steinig.
Ich machte mir viele Gedanken, als ich meinen SM-Weg begann. Warum? Was fasziniert mich? Wieso bereitet es mir so große Lust? Schmerz... Unterwerfung... Gewalt... Macht... und gleichzeitig Zärtlichkeit... Freiheit... Stärke... Lust. Ich nehme mich als ganzes wahr... ich unterdrücke nichts... ich spüre alle Facetten meines Daseins... ich fühle mich ganz.
Und das ist wohl auch der Grund für dieses Tagebuch. Dass ich versuche keine Gefühle mehr zu unterdrücken... sie anzuschauen, mich damit auseinander zusetzen und damit die Schmerzen überwinden, die sie manchmal auslösen. Ich liebe dich und das ist ein Gefühl, das keine Schmerzen auslöst. Schmerzen löst der Wunsch des besitzen-wollens aus. Besitzen was man doch nie besitzen kann. Denn in Wirklichkeit kann kein Mensch einen anderen besitzen. Ja, ich fühle mich als dein Eigentum, weil es mich glücklich macht... aber ich habe damit nicht die Freiheit aufgegeben dieses Geschenk zurückzunehmen. Nur weil ich die Verantwortung für mich selbst tragen kann, kann ich dir diese Verantwortung übertragen... sie dir schenken.